Die Erinnerungen der Unsterblichen

Der dritte Teil der Nebelring-Reihe erscheint am 26. Februar 2017. Hier könnt ihr schon das erste Kapitel vorablesen.

1. Kapitel

Ich gestehe meinen Fehler ein.
Mein Entschluss, meinen Vater zu verlassen, um nach der Wahrheit über die Malwee-Entstehung zu suchen, war naiv. Ich bereue diese Fehlentscheidung zutiefst.
Bei der Entscheidung zwischen dem Sturz der Organisation Nebelring oder der Weiterforschung an einem Heilmittel gegen die Malweevergiftung, entschied ich mich für die absurde Mitte: Die Suche nach einer Geschichte, die womöglich nicht existiert – die Erinnerung eines Schmuckstückes der Alten Welt, das zeigen könnte, wie die silbrige Malwee-Substanz entstand.
Dieses Wissen wollte ich nutzen, um das Malwee zu vertreiben und somit die Krankheit auszulöschen. Und ganz nebenbei würde Nebelring seine Macht, Magie zu wirken, verlieren und keine grausamen Experimente mit den Silberkreaturen mehr durchführen.
Wie größenwahnsinnig!
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dem Geheimnis um die giftige Substanz näher zu kommen, wenn doch Gelehrte seit Jahrhunderten keinen Millimeter vorankommen?
Habe ich meinen Vater wirklich für eine wahnwitzige Expedition ohne ein absehbares Ziel im Stich gelassen? Ich bin einer albernen Legende gefolgt!
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass ich in der Lage bin, Taik und seinen Schmuck überhaupt zu finden – und das ausgerechnet im Winter!
Durch das viele Weiß sieht jeder Ort gleichermaßen nichteinladend aus. Dabei müsste die kalte Jahreszeit doch bald zu Ende sein, denn ich ertrage das Frostwetter nicht mehr.
Ich kann gar nicht zählen, wie lange wir bereits unterwegs sind: Drei, vielleicht schon vier Wochen. Die Minusgrade, der tiefe Schnee und die fiesen Schneestürme verlangsamen das Vorwärtskommen. Dass wir uns auf dem Weg zum Grabtal auch noch verlaufen haben und vom Dorf zum Bauernhof reisen müssen, um den Geldbeutel und unsere Energiereserven aufzufüllen, macht den Ausflug aussichtsloser. Die Winterkälte verstärkt meine Angst, vom Nebelring geschnappt zu werden. Trotz Bess‘ täglicher Bestärkung, sinkt mit jeder Nacht mein Mut.
Den Zeitpunkt für diese große Reise habe ich nicht clever gewählt, doch die Krise, die in Hert ausgebrochen ist, hat mir keine andere Wahl gelassen. Ich kann gar nicht an einem Zeitungsstand vorbeilaufen, ohne dass die Fratzen der Füchse und der Silberschlangen auf mich herabblicken. Allerdings sind diese Blicke einfacher zu ertragen, als die Bilder von Silbermonstern, die in der Stadt freigelassen wurden. Diese Abbildungen und die Fülle der Todesanzeigen bringen mein Herz zu minimalen Herzstillständen – zumindest fühlt es sich so an. Ich überblättere sie. Aus Angst, auf bekannte Personen zu stoßen.
Bess übernimmt diese Aufgabe für mich. Er kennt die Liste der Namen, die ich auf keinen Fall lesen möchte. Solange er die Todesfälle nicht kommentiert, weiß ich, dass meine Familie und meine Freunde wohlauf sind. Diese Annahme ist übertrieben, das ist mir bewusst: Ich kann mir nicht sicher sein, ob es irgendjemand von ihnen gut geht. Die meisten, die mir etwas bedeuten, befinden sich momentan in den Fängen des Nebelrings. Sie sitzen im Algarsee fest, unter der roten, kuppelartigen Magiemembran des Rotmondplatzes, umgeben von den Wänden der Silberakademie.
Die lokalen Nachrichten berichten über Greifer, die auf der Suche nach Aufstandskämpfer seien und dass diese bei den niedrigen Temperaturen in Hert vermutet werden. Das ist clever vom Nebelring, denn mit diesen Meldungen sorgt die Organisation dafür, dass sich die Flüchtlinge in Sicherheit wiegen.
Bess und ich sind vorsichtig: Andauernd verstecke ich mein rotes Fuchshaar unter einer anderen Kopfbedeckung. Somit können wir dem Winter und seinem miesen Wetter für die Verkleidungsmöglichkeiten danken. In jedem Ort kaufen wir eine neue Mütze für mich oder tauschen sie ein, wenn das Geld zu knapp wird.
Allerdings ist das unsere kleinste Sorge. Bess kann fast immer ein paar Figuren oder Schmuckelemente, die er magisch aus Stein formt, verkaufen oder gegen eine Übernachtungsmöglichkeit eintauschen. Eine einzige Vorstellung seiner Magie auf dem Dorfmarkt bringt ihm genug Geld ein, damit wir bis zur nächsten Siedlung reisen können.
Die Schneemassen verwandeln leider jede dieser Ortschaften in ein monotones Weiß. Einfach alles sieht identisch aus. Häufiger erwische ich mich bei dem deprimierenden Gedanken, die ganze Zeit im Kreis zu laufen. Doch eines Tages erreichen wir eine Stadt, die einen Hoffnungsschimmer in mir auslöst, denn hier habe ich einen optischen Anhaltspunkt.

Illustration von Sergej Bolgert

Der Baum, unter dem ich stehe, gilt als eine Art Denkmal und Treffpunkt für die Stadtbewohner. Der Stamm ist enorm breit. Ich laufe einmal langsam komplett um ihn herum und betaste mit meinen behandschuhten Fingern die grobe Rinde. Besonders hoch ist er nicht, es ist einer von den dicken aber kurzen Bäumen. Doch die Größe und Form ist bei diesem Denkmal nicht wichtig, mehr geht es um den Schmuck der Äste. Es handelt sich um Schuhe!
Paar an Paar hängen sie dichtgedrängt in der Baumkrone und bilden ein Dach aus Tretern, das einen enormen Schatten auf den Versammlungsplatz wirft.
Durch den Schnee, der auf den Schuhen liegengeblieben ist, erkenne ich nicht alle Farbe oder den modischen Stil. Allerdings handelt es sich nicht nur um altes Schuhwerk. Eine Armlänge rechts von mir sehe ich unverkennbar ein Paar violette Lackpumps, die noch keinen einzigen Kratzer aufweisen.
Mir erschließt sich die Bedeutung dieser Tradition nicht. Wem gehören diese Schuhe? Stammen sie von Leuten, die ihre verloren haben? Aber wie kann man immer ein komplettes Paar verlieren und das stets hier?
Am Fuß des Baumes entdecke ich ein Metallschild und lese.
Wandererbaum
Willkommen lieber Wanderer! Bist du gewillt, in der Hauptstadt Alnyr zu residieren, dann lasse dein altes Leben hinter dir und pilgere die letzten Kilometer barfuß. Wir warten auf dich.
Ich lese die Inschrift erneut. Zuerst schüttelt es mich bei dem Gedanken, mit nackten Füßen durch den Schnee zu stampfen, doch dann nehme ich den Stadtnamen besser wahr.
Alnyr.
Wir sind kurz vor Pillons Hauptstadt!
Mein Geografieunterricht liegt weit in der Vergangenheit, aber ich erinnere mich noch daran, dass Alnyr sehr weit von Hert ist. Auch wenn Hert nie wirklich mein Zuhause war, empfinde ich in diesem Augenblick Heimweh.
Trübsal kehrt in meinen frierenden Körper zurück. Ich weiß nicht einmal, wie die Stadt hier heißt. Ich gebe mir keine Mühe, die Namen der Siedlungen zu lernen, weil wir selten mehr als zwei Tage an einem Ort verweilen.
Um die schlechten Gedanken wieder zu vertreiben, lasse ich meinen Blick über den Versammlungsplatz wandern. Wir haben Glück: Heute ist Markttag. Deswegen sind auch so viele Zuschauer erschienen, um Bess‘ Vorstellung zu sehen. Je mehr Schaulustige, desto länger können wir auf unserer Reise bleiben.

Illustration von Sergej Bolgert

Applaus lockt mich zu der Menge, die sich um Bess versammelt hat. Ich kämpfe mir den Weg nach vorne frei und muss beim Anblick des Magiers lächeln.
Seine Locken schauen unter seiner Kapuze hervor und seine Wangen sind vor Kälte gerötet. So sieht er aus wie ein verspielter Junge. Vor allem wenn er über die Bemerkungen aus dem Publikum lachen muss und die Atemwolke sein Gesicht umschließt.
Die Leute haben ihn in einem respektvollen Abstand eingekreist, während er ihnen seine Steinmagie vorführt. Seine Hände sind ebenso starr, wie sein Blick, der auf einem glühenden Stein ruht. Dann schnipst er mehrfach und aus dem Glühklumpen schießen klitzekleine Vögel heraus, die gleichfalls ein Glühen aufweisen. Sie schlagen mit den Flügeln und kreisen über den Köpfen der Kinder in den vorderen Reihen. Die winzigen Hände versuchen, die Tiere zu fangen, doch Bess lässt so etwas wegen der hohen Verbrennungsgefahr erst gar nicht zu. Jedes Mal, wenn eine Kinderhand nach einem der Steintiere greift, fliegen sie ruckartig davon.
»Junge Lady, da müssen Sie aber mehr Spinat essen, mit Ihren dünnen Ärmchen würden Sie niemals eines der Wesen zu fassen bekommen. Es sind vor allem auch Freiheitstiere, sie kommen lieber ohne jeglichen Zwang«, sagt Bess.
Er öffnet seine Hand und ein glühender Vogel macht Anstalten, sich daraufzusetzen. Dabei erstarrt das Tier zum Stein und fällt dem jungen Magier auf die Handfläche.
»Sehen Sie?«, fragt er und bekommt wieder einen dumpfen Applaus, denn die meisten Anwesenden tragen Handschuhe.
Bess geht zu dem Kind, mit dem er gesprochen hat und reicht ihm den Steinvogel.
»Er braucht nicht viel zu essen, nur etwas Sonnenlicht, also bitte nicht in eine Kiste im Keller werfen.«
»Den setze ich auf mein Fensterbrett!«, sagt das Mädchen ergriffen und umschließt den Vogel, damit die Kinder um sie herum ihn nicht wegnehmen können.
Alle sind verrückt nach Bess‘ Magie.
Mit meiner Zelorossoflöte und den Illusionen könnte ich ebenfalls gutes Geld verdienen, weil die Leute hier bestimmt noch nie so etwas gesehen haben. Gleichzeitig ist das auch der Grund, aus dem ich mein Musikinstrument lieber eingepackt unter dem langen Mantel verberge. Ich will nicht auffallen. Magier, die mit Steinchen Tricks aufführen, gibt es so einige, aber ein Mädchen mit einer Flöte, die Illusionen zaubert, würde im Gedächtnis bleiben. Und unsere Verfolger neugierig machen.
Dass wir gesucht werden, ist kein Geheimnis: Es steht in jedem Klatschblatt. Niemand erwähnt uns namentlich oder bildlich, aber die Sprache handelt von den Mitgliedern des Oxeans. Laut dem Hertblatt, einer Zeitung der Stadt Hert, gehöre ich definitiv zu diesen Aufständischen.
So ist es aber nicht. Ich habe mich von Anfang an geweigert, da mitzumachen. Erst recht, nachdem mich diese Aufstandsgruppe vergiftet hat, damit ich aus der Silberakademie fliehe und meinen Vater rette. Diese Rettungsaktion ist in die Hose gegangen und somit haben mich die Oxean-Füchse komplett verloren.
Jetzt gehe ich meinen eigenen Weg. Genaugenommen suche ich nach dem Beschwörer Taik, denn er hat eine Menge mit meiner Entscheidung zu tun. Bess begleitet mich und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Er nimmt es mir nicht einmal übel, dass wir vermutlich in die Irre laufen.
Ich bewundere seine Gabe. Er scheint wirklich immer alles im Überblick zu behalten. Denn während er darauf achtet, seine Zuschauer nicht zu verletzen, lächelt er und erzählt im fröhlichen Ton kleine Geschichten zu seinen Zaubern.
Er holt gerade eine junge Frau aus dem Publikum. Sie hat dichtes, blaues Haar, das zu einer aufwendigen Flechtfrisur hochgesteckt ist. Daraufhin mache ich ein verwundertes Gesicht. Nicht, weil Bess sie so in den Vordergrund rückt, ihre Mähne so ungewöhnlich gefärbt oder die Frau auffallend hübsch ist.
Etwas stimmt mit ihren Augen nicht!

(Auszug aus dem Roman Nebelring – Die Erinnerungen der Unsterblichen von I. Reen Bow)

Worum geht es in Nebelring – Die Erinnerungen der Unsterblichen?

Klappentext
Es gibt Erinnerungen, die der Ewigkeit ebenbürtig sind. Sie vergehen nie.

Auf der Suche nach der Wahrheit über die rätselhafte Malweesubstanz begegnet Zoe zwei reisenden Beschwörerinnen, die das große Geheimnis zu verbergen scheinen. Das Schmuckstück, das eine der Frauen bei sich trägt, und die entscheidende Antwort kennt, zieht es allerdings vor, diese um jeden Preis weiterzugeben. Wie ein Parasit kettet es sich auf magische Art an Zoe und entführt sie in die Schatten der Vergangenheit, die entsetzliche Geschichten der Alten Welt offenlegen.

Der dritte Roman der Nebelring-Reihe erscheint am 26. Februar 2017.

Release-Party „Silbermagie und Sternenfüchse“

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