Viele Jahre hat uns J. K. Rowling auf den neuen Harry Potter warten lassen und uns mit ihren Ausflügen in die Krimiwelt quälend hingehalten. Immer wieder gab es kurze Häppchen, die einem die tiefe Wunde, die der siebte Band in den Lesern verursacht hat, wieder aufgerissen. Untröstlich mussten wir Statusmeldungen vom Ende von Harry Potter lesen und auch darüber, dass es nie wieder eine Fortsetzung geben wird. Doch der achte Band ist da!!!

Eckdaten

Harry Potter und das verwunschene Kind. Teil eins und zwei (Special Rehearsal Edition Script)

Autoren: J. K. Rowling, John Tiffany, Jack Thorne
Seiten: 336
Verlag: Carlsen
Erscheinungsdatum: (24. September 2016)

Meine Erwartungen

Ich muss zugeben, irgendwann ist in mir die Hoffnung gestorben, dass J. K. Rowling doch eine Fortsetzung rausbringen könnte, also habe ich die Entwicklung von Harry Potter nicht mehr verfolgt. Deswegen war es eher ein Zufall, dass ich von dem neuen Buch erfuhr. Etwa vier Monate vor dem Erscheinungstermin der englischen Version hatte ich meinen Herzkasper bekommen, als ich die freudige Info vernommen habe. Von dem Theaterstück, auf dem das Buch basiert, hatte ich schon früher etwas gehört, aber, das hat mich nicht interessiert, weil ich annahm, es eh nicht zu Gesicht zu bekommen. Aber dass das Stück auch für die Leser gedruckt werden würde, war eine tolle Nachricht!
Weil es ein Theaterstück werden sollte, hatte ich keine Erwartungen, einen heftig ausgearbeiteten Roman in den Händen zu halten. Ich war darauf gefasst, eine Geschichte zu lesen, die mich unterhält, aber nicht so in die Tiefe zieht, wie ich es von den sieben Romanen der Reihe gewohnt bin.
Auf jeden Fall war das eine sehr gute Vorgehensweise, denn das Buch hat mich umgehauen.

Charakterstärke durch Dialoge

Und wieder einmal schafft es Rowling, mich mit ihren intensiv ausgearbeiteten Charakteren umzuhauen. Da hier keine blumige Handlungsbeschreibung gibt und das Stück fast nur aus Dialogen besteht, ist es ein großartiges Beispiel dafür, dass Dialoge ohne jeglichen Beiwerk funktionieren. Das ist vor allem interessant für mich, da ich in meinen Büchern auch versuche, die Dialoge größtenteils für sich selbst sprechen zu lassen, damit der Leser in die gesprochenen Worte hineingezogen wird.
Bezaubern ist auch, dass man wirklich an dem Gesagten bereits erkennt, wer gerade spricht. Wenn Ron redet, weiß man sofort, dass das seine plumpe Sprache ist und dass ihm kein Fettnäpfchen zu klein ist. Hermines strenge und kluge Art ist ebenso gut zu erkennen wie Harrys Worte. Das ist hohe Kunst und fasziniert mich an dem Stück am meisten.

Aufbau

Das Buch besteht aus zwei Teilen zu je zwei Akten, insgesamt also sind es vier Akte. Es klingt schon sehr nach einem Theaterstück. Und ja, es ist kein Roman in dem Sinne, wie wir es gewohnt sind. Mehr erinnert die Struktur an die kleinen Drama-Heftchen, die ihr alle aus der Schule kennt. Die gesamte Geschichte besteht aus Dialogen und Regieanweisungen und manch einen mag das vielleicht zu Beginn abschrecken, aber ich gebe den Rat, euch darauf einzulassen. Dass ihr ein Theaterstück liest, fällt euch nach drei Seiten kaum mehr auf. Ihr werdet nicht mehr mitlesen, wer gerade spricht, denn das könnt ihr aus dem Kontext und der Art der Sprache sofort erkennen.

Geschichte

Ich will nicht spoilern und sicher keinen Klappentext hier rein kopieren. Die Geschichte setzt aber an dem Punkt an, mit dem J. K. Rowling in ihrem Epilog des siebten Harry Potter Bands beginnt. Das Gespräch, das Harry dort mit seinem Sohn anreißt, trägt das Stück als eine Art Leitfaden. Ich bin sehr froh, dass es nicht einfach eine Schuljahres-Geschichte geworden ist, bei dem das neue Kind sich auf den Stuhl setzt, den sprechenden Hut aufsetzt und seinen Alltag meistert. Die Story hat viele Ebenen und gibt mehr Einblick in die wundervolle Zaubererwelt, die Rowling erschaffen hat.

Tiefe

Wer die Potter-Bücher liebt, wird über diese Tiefe der Geschichte dankbar sein. Harry Potter und das verwunschene Kind ist eine Ergänzung der Geschichte, die für so viele Leser nach dem 7. Band nicht abgeschlossen zu sein schien. Da waren noch so viele Fragen offen, beziehungsweise wäre ich persönlich noch länger in der Welt verweilt, weil ich noch von dem Ende so geschockt war. Dieses Buch ist eine lange überfälliger Verband, der meine aufgerissenen Wunden versorgen soll.
Es wird nicht einfach eine Geschichte erzählt, man spürt auch in den Figuren die Nachwirkungen der Geschehnisse des Siebenteilers – da wird nicht einfach eine komplett neue Story begonnen, es ist eine würdige Fortsetzung.

Emotionen

Ich weiß nicht, durch wie viele Emotionen ich an dem heutigen Lesetag geführt wurde. Ich habe gekichert, habe lauthals meine Nachbarn zusammengelacht, ich habe untröstlich geschluchzt, leise geweint, Wuttränen gehabt, hatte Mitleid, habe mich gefreut und hatte Szenen gelesen, die in mir Angst und Fassungslosigkeit ausgelöst haben. Das ist eine ganze Menge für einen Tag, aber so kenne ich es von den Harry Potter Büchern.

Fazit

Als ich das Foto mit meinem Buchkauf gepostet habe, erreichten mich Nachrichten. Leute wollten wissen, ob es sich lohnt, das Buch zu kaufen. Da habe ich erst begriffen, dass die Leute Angst haben, enttäuscht zu werden. Die Erwartungen sind an das Band viel zu hoch, da kann es in den Augen der Verängstigten nur versagen, egal wie gut die Geschichte ist. Schon dass es kein Roman, sondern ein Theaterstück ist, schreckt viele vom Kauf ab, aber das ist keine begründete Angst. In mir hat sich die Frage gar nicht gestellt, ob ich es lese oder nicht. Natürlich kaufe ich mir das und verschlinge es an einem Tag. Was bleibt uns denn sonst von der Harry Potter Welt übrig?
Ich wurde nicht enttäuscht, ich wurde sogar begeistert und kann das Buch jedem empfehlen, der das Universum von Harry Potter liebt. Seht es nicht als das achte Band, seht es als einen wertvollen Zusatz an und macht euch nicht zu viele Sorgen, sondern genießt ein Stück Zaubererwelt.

So und jetzt Füße hoch und lest den neuen Harry Potter 🙂